Emanuele Valariano
Kurator, Berater und Vermittler
Emanuele Valariano ist Kurator und DEI-Berater mit über 20 Jahren Erfahrung. Von Gropius-Bau über Berlinische Galerie bis zu den Staatlichen Museen zu Berlin entwickelt er innovative Kunstvermittlungsformate. Als Berater unterstützt er Museen bei der Entwicklung ihrer Programme, Diversifizierung und Inklusionsmaßnahmen. Seine intersektionalen Konzepte integrieren migrantische Perspektiven und schaffen stärkende Formate für diverse Communities. Zentraler Aspekt seines Wirkens ist das WIR. Aktuell leitet er den Arbeitskreis "Museum und Inklusion" der Staatlichen Museen Berlin und ist Teil des Kunst-Kollektivs Alternative Monument.
Von Inklusion zu Reziprozität: Ein Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik
Der Inklusionsbegriff reproduziert die Machtstrukturen, die er zu überwinden vorgibt. Er impliziert eine dominante Gruppe, die wohlwollend andere "aufnimmt" und verlangt Anpassung statt struktureller Veränderung. Wenn Kulturinstitutionen von "Zugang gewähren" sprechen, wird deutlich: Inklusion zementiert hierarchische Verhältnisse zwischen "Innen" und "Außen".
Reziprozität bietet eine radikale Alternative. Sie erkennt an, dass alle Menschen sowohl geben als auch empfangen können – nicht als Ausnahme, sondern als gesellschaftliche Normalität. Statt einseitiger "Hilfe" entstehen Beziehungen auf Augenhöhe, in denen Verletzlichkeit und Abhängigkeit als geteilte menschliche Erfahrungen anerkannt werden.
Diese Vision geht über bloße Begriffskorrektur hinaus: Sie fordert einen Wandel von der Fürsorge zur Gegenseitigkeit, von Autonomie-Mythen zur Interdependenz. Anstelle des permanenten Othering brauchen wir ein neues WIR, in dem Differenzen nicht integriert, sondern gemeinsam gelebt und transformiert werden. Ein Paradigmenwechsel, der die Grundlagen unserer Gesellschaft neu denkt.